Tagtraum

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Vor einigen Wochen kam ich mit dem Auto an einer sehr belebten großen Kreuzung im Norden Hamburgs vorbei. Während ich an der roten Ampel warten musste, sah ich rechts von mir eine Brachfläche, auf der kürzlich einige alte Gebäude abgerissen worden waren. Ich weiß das, denn ich wohne in der Nähe und hatte schon vorher mein Augenmerk auf dieses Gelände geworfen. Brachflächen reizen mich. Sie reizen mich nicht nur fotografisch, sondern, wenn man so will, auch geradezu kindlich-emotional, denn dort hat sich das, was wir leicht überheblich Zivilisation nennen, vorübergehend zurückgezogen, die Ordnung ist aufgehoben. Ordnung ist der natürliche Feind der Phantasie, was der Grund dafür sein mag, dass Kinder die Ordnung nicht sonderlich schätzen, denn sie steht der Phantasie im Wege. Dort, wo die Ordnung aufgehoben ist, auf Brachflächen beispielsweise, spürt man die Atmosphäre des Verfalls, der Vergänglichkeit, des Ungewöhnlichen und Unerwarteten, und nicht selten erobert die Natur sich diesen Flecken Erde zurück, was ihm einen zusätzlichen Reiz verleiht. Man kann dort Dinge entdecken, aber auch verlieren.

Auf diesem Flecken Erde, den ich von jener roten Ampel aus betrachtete, standen keine Gebäude mehr (ursprünglich hatte ich es auf die Gebäude abgesehen, aber dazu kam ich nun zu spät), sondern nur noch ein paar schrottreife alte Autos, denen man von weitem ihren desolaten Zustand ansah. Ich beschloss, noch am selben Tag dorthin zurückzukehren und mich ein wenig umzusehen, mit der Kamera selbstverständlich.

Brachflächen gehören meist irgendjemandem, und üblicherweise sind sie durch Zäune oder Mauern versperrt. Darin besteht schon ein besonderer Reiz, denn diese wollen überwunden werden, um ins Reich der Phantasie zu gelangen. Bei diesem Gelände hatte ich leichtes Spiel, denn ein großes Loch klaffte im Zaun gleich neben der Bushaltestelle. Ich musste lediglich warten, bis der nächste Bus die paar Leute von der Haltestelle aufgelesen hatte. Dann konnte ich hinein.

Ich schaute mich in Ruhe um und fotografierte. Einiges davon ist im Bildarchiv im Bereich Spektrum zu sehen. Es lag jede Menge Zeug herum, alte Reifen, irgendwelche Dosen und Kisten, Felgen, Glas, aufgeplatzte Sitzpolster, verrostete Wagenheber, Dichtungsgummi, herausgerissene Kassettenradios, uralt. In den Autos alte Zeitungen, Glassplitter, ein Buch: The Book of Prayer (auch im Bildarchiv zu bewundern), in einem Lieferwagen alte Lieferscheine und Fahrtenbücher, alles ziemlich vermodert und verschimmelt. Es war einer der letzten warmen Tage des Jahres, und Wespen schwirrten in Mengen herum, vor allem in der Nähe der zerbeulten Karosserien, wo es wärmer war. Die Wespen umschwirrten mich, wenn ich mich den Autos näherte und störten beim Fotografieren. Mit einem Wort: es war herrlich.

Dann, wie aus dem Nichts und zu meinem nicht geringen Schrecken, kamen drei oder vier Afrikaner auf das Gelände gestürmt, nahmen Position gegen mich und fragten aufgeregt, wer ich sei und was ich auf dem Gelände zu suchen habe. Es gab eine Menge Hin und Her, weil die Autos wohl erst in der Nacht zuvor von irgendwelchen Hooligans demoliert worden waren, und man hatte angenommen, ich habe etwas damit zu tun. Ich erklärte mein Anliegen, wobei ich es vermied, über Brachflächen und kindliche Phantasie zu dozieren. Die Wogen glätteten sich, und es stellte sich heraus, dass einer der Afrikaner der Besitzer der demolierten Autos war und nun die Absicht hatte, diese Wracks nach und nach wegzuschaffen, und zwar letztlich nach Afrika, wo für solche Schrotthaufen offenbar noch Geld bezahlt wird. „Die Leute dort haben wenig Geld, aber Zeit haben sie, diese Kisten wieder herzurichten.“.

Ich erhielt den afrikanischen Segen, mit meinen fotografischen Experimenten fortzufahren. Das Bild oben stammt von ebendort. Es ist ein alter Jeep Cherokee. Die Wespen rückten mir bedrohlich auf die Pelle, als ich ihn fotografierte. Das Auto war komplett demoliert, aber ehemals wohl ganz schick gewesen, mit Holzlenkrad, Ledersitzen und kompletter Sonderausstattung, wie die Amis es lieben. Es war nicht viel davon übrig, und die Windschutzscheibe war wohl mit dem Baseballschläger eingeschlagen worden. Ich fotografierte durch die Seitenscheibe, und das zerborstene Glas, zusammen mit der Spiegelung des Himmels und dem angedeuteten Grünzeug im Hintergrund erzeugt eine fast schon mystische Stimmung von verwunschenem, verstecktem Paradies für Phantasten, die nicht aufgehört haben, Kind zu sein und Orte zu suchen, wo die Ordnung nicht gilt und wo in gleißender Sonne die Träume blühen.

Zwei Tage später waren die Autowracks verschwunden. Bagger rückten an, hohe Zäune wurden errichtet, die Fläche umgepflügt. Jetzt ist dort eine große Baustelle, irgendetwas der Zivilisation Dienliches wird errichtet, die Ordnung und die Langeweile kehren wieder ein. Die Phantasie ist verschwunden. Ich war gerade noch rechtzeitig gekommen.

Ein Gedanke zu “Tagtraum

  1. Hallo Arndt,
    die Beschreibung, wie die Bilder auf dem Schrottplatz entstanden sind fand ich sehr ansprechend. Immer noch, das Bild mit dem zerbrochenen Glas ist eines deiner Besten. Kompliment!

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