Nacht auf der Baustelle

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Neulich bin ich mal wieder nachts unterwegs gewesen. Glücklicherweise musste ich nicht sehr weit laufen, um zum Objekt meiner Begierde zu gelangen: das alte Hertie-Gebäude im schönen Hamburg Barmbek. Seit ein paar Jahren leerstehend und vor sich hingammelnd, reichlich versifft und dekoriert mit allerlei Unrat und Urinlachen in den verrammelten Eingängen, wird es nun endlich abgerissen – aber nur, um einem charmanten Bürogebäude einer Versicherung Platz zu machen. Eine echte Bereicherung für den Stadtteil. Das behaupten jedenfalls diejenigen, die davon profitieren, und die Barmbeker sind das garantiert nicht.

Ich jedenfalls liebe solche alten Ruinen, weshalb sie mich auch immer wieder magisch anziehen. In ihnen lebt ein Geist, der Geist des Vergangenen und des Jetzigen, nun aber unkontrolliert von Ordnung, Struktur und menschlicher Zivilisation. Warum liebe ich diese verlassenen Relikte vergangener menschlicher Bestrebungen? Weil der städtische Lebensraum normalerweise eingenommen wird von zielgerichteten, meist kommerziel motivierten menschlichen Aktivitäten, die alle anderen Möglichkeiten der Entwicklung mit einem Schlag und von vornherein ausschließen. Wird ein Raum von den Menschen wieder verlassen, kehren die Möglichkeiten, zumindest potentiell und ideell, wieder zurück. Dieser Zustand ist spannend und seltsam sehnsüchtig vertraut.

Wie auch immer, beim Gebäude angekommen habe ich erstmal ein paar Runden drumherum gedreht, die Substanz von allen Seiten begutachtet und eruiert, was wie und von wo aus gesehen fotografisch interessant sein könnte. Gar nicht so einfach, denn ein schön hoher Zaun versperrt alles, und von außerhalb des Zauns sieht die völlig unbeleuchtete Ruine nicht sehr fotogen aus, denn gleich neben dem Gelände liegt der Barmbeker S-Bahnhof, der hell erleuchtet alles überstrahlt, sodass von der morbiden Atmosphäre hinter dem Zaun nicht viel übrigbleibt.

Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was wagen muss (frei nach Wilhelm Busch). Nach einigen weiteren Recherchen fand ich eine Stelle, die einen einigermaßen unkomplizierten Zugang ermöglichte. Auf dem Gelände angekommen (ich war nun illegal in ein abgesperrtes Gelände eingedrungen) musste ich dann allerdings eine relativ große freie Fläche überqueren, um zu einer fotografisch interessanten Stelle zu gelangen. Nun wurde es ein wenig heikel, denn der oben erwähnte, gleich nebenan liegende S-Bahnhof war um diese Zeit noch recht belebt, und eine Menge Leute wartete an den Bushaltestellen, mit freiem Blick auf die Fläche, die ich gerade überqueren wollte. Gleich neben dem Zaun standen auch noch ein paar Busse in Wartestellung, mitsamt Fahrern, die auch wunderbar sehen konnten, was sich auf der Baustelle tat.

Ich hockte dort also mit Sack und Pack und Stativ in einem Gebüsch in Deckung und überlegte, was zu tun war. Die Frage war, hocken bleiben und warten, bis die Luft einigermaßen rein war, was lange dauern konnte, oder gleich los über die leidlich beleuchtete freie Fläche und hinüber hinter einen großen Steinhaufen, wo ich wieder einigermaßen in Deckung war. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, denn ich sah, wie der Mond hinter den schnell ziehenden Wolken hervorkam. Ein kurzer Blick zum westlichen Himmel, und mir war klar, dass die nächste riesige Wolkenbank schnell heranzog. Mir blieben höchstens knapp zehn Minuten, um das Mondlicht auszunutzen. Zehn Minuten sind nicht viel Zeit, wenn man einige Langzeitbelichtungen plant.

Einmal tief durchatmen, ein Blick hinüber zu den Busfahrern, zu den Haltestellen, und dann los, aber nicht zu hektisch. Ich bin dann in aller scheinbaren Seelenruhe über den Acker spaziert. Rennen hätte ziemlich sicher fatal geendet, denn so ein über die Baustelle sprintender Kerl bei Nacht wirft zumindest ein paar Fragen auf. Gerade, als ich fast beim Steinhaufen angekommen war, sehe ich zwei Dinge: der eine Busfahrer blättert die Seite der Zeitung um, in der er gerade liest, und schaut von seinem Fahrersitz genau in diesem Augenblick zu mir herüber – und ein kleiner Junge an der Bushaltestelle, an der Hand seiner Mutter, zeigt in meine Richtung und ruft irgendwas, das ich nicht verstehe. Im nächsten Augenblick bin ich hinter dem Steinhaufen in der Dunkelheit verschwunden. Verdammt! Dieser elende kleine Mistkerl. Und was ist mit dem Busfahrer? Diese Leute haben doch ein geradezu beamtetes Pflichtbewusstsein. Erlebt habe ich das schon, als ich auf einem alten Bahngelände unterwegs war, und der Führer eines vorbeifahrenden Zuges doch tatsächlich die Polente alarmiert hat…

Nichts rührt sich. Kann noch kommen. Schnell also das Stativ aufgebaut, die Kamera ausgerichtet und bei der Dunkelheit – Mondlicht hilft da nicht viel – scharfgestellt, Blende und Verschluss gewählt und belichtet. Es stellte sich heraus, dass ich 40 Sekunden Belichtung benötigte. Während dieser 40 Sekunden horcht man in die Dunkelheit, ob nicht doch noch jemand kommt. Aber da war nichts, kein Knirschen von Schuhen auf Bauschutt, keine Taschenlampen, keine Rufe… Meine Paranoia geht wohl mit mir durch. Wen interessiert schon irgendein Kerl auf einer Baustelle? Die große Woge großstädtischer Gleichgültigkeit geht darüber hinweg wie graue Farbe über ein Grafitti.

Oder doch nicht? Gerade habe ich die dritte und letzte Belichtung beendet, da fällt mein Blick auf die Mietskaserne am unteren Ende der Baustelle, gleich hinter der freien Fläche und dem Zaun. Am Fenster im zweiten Stock steht jemand und schaut herüber. Im Hintergrund flimmert der Fernseher. Er rührt sich nicht, starrt. Im Gefühl, eine Atmosphäre mit der Kamera eingefangen zu haben, lasse ich ihn starren. Ich packe langsam meine Sachen, nehme die Kamera vom Stativ, verstaue sie in der Tasche, schultere das Stativ und trete den geordneten Rückzug an.

Das Hinaustreten ins Licht der freien Fläche war dann zwar nicht wirklich schön, aber eine heitere Ruhe ergriff plötzlich Besitz von mir. Mit einem Mal war es mir gänzlich egal. Die Busse waren weg, die Haltestellen fast leer, Stille senkte sich herab. Im Augenwinkel sah ich den Menschen reglos am Fenster. Beinahe hätte ich ihm zugewinkt. Dann übers Geländer, von wo ich gekommen war, durch die Lücke im Zaun, und draußen war ich, zufrieden mit mir und hungrig. Der Himmel war zugezogen, vom Mond keine Spur, nur ein Rest fahlen Lichtes, ähnlich dem des Fernsehers dort oben im Fenster, dessen Flimmern nun allein das Fenster ausfüllte, denn der Mensch war verschwunden. So wie ich.